Stationen der Stadtgeschichte

1972 - Abriss der Wörth-Kaserne beschlossen


Wörth-Kaserne. Erbaut 1879/82, abgerissen März 1973.
Am 7. Dezember 1972 beschloss die Stadtverwaltung, die Wörth-Kaserne in der Geismar Landstraße, das ehemalige Quartier des Infanterieregiments 82, abzureißen. Damit verschwand ein markantes Zeugnis nicht nur der Militärgeschichte Göttingens, sondern auch seiner Kultur- und Bevölkerungsentwicklung nach 1945.

Nach Kriegsende hatten Tausende von Menschen im unversehrten Göttingen einen ersten, oft nur vorübergehenden Unterschlupf gefunden. Juden, die den Völkermord überlebt hatten, sammelten sich hier ebenso, wie befreite Zwangsarbeiter, entlassene Kriegsgefangene und andere entwurzelte Menschen vor allem aus Osteuropa. Viele dieser "displaced persons" (DPs) wurden in der Wörth-Kaserne untergebracht, wo auch eine orthodoxe Kirche eingerichtet worden war. Bis Ende der fünfziger Jahre hatten die meisten DPs häufig mit dem Ziel Amerika Göttingen wieder verlassen.

Zu dieser Zeit, auf dem Höhepunkt des deutschen "Wirtschaftswunders", setzte eine zweite Wanderungsbewegung nach Göttingen ein: Als Arbeitskräfte angeworbene "Gastarbeiter" zunächst aus Südeuropa, dann vor allem aus der Türkei ließen sich nieder und brachten selbstverständlich ihre Kultur und ihren Glauben mit. Ende der achtziger Jahre schließlich kam es mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu einer erneuten Bevölkerungsverschiebung. Neben Menschen deutscher Abstammung verließen viele Juden die Sowjetunion, um unter anderem in Göttingen eine neue Heimat zu suchen. 1994 konnte die jüdische Gemeinde, die rechtlich nie aufgehört hatte zu bestehen, wiederbegründet werden und entfaltete ein reges Gemeindeleben.

Die Wörth-Kaserne, in der zum Schluss Mietschuldner und andere Verlierer des "Wirtschaftswunders" gewohnt hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden. An ihrer Stelle erhebt sich heute das Altenzentrum Saathoffplatz.

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